Verletzlichkeit zulassen

Mut trotz Angst: Was tun, wenn sich alte Wunden melden?

 

Wenn Mut sich gut anfühlt – und dann plötzlich etwas anderes passiert

In meinem vorherigen Artikel habe ich davon erzählt, wie ich mein Herzprojekt zum ersten Mal gezeigt habe – und wie überraschend wertschätzend die Reaktion darauf war.
Es war ein Moment, der Mut belohnt hat. Ein Moment von Mut und Heilung, der mir gezeigt hat:
Die Welt von heute ist nicht mehr die gleiche wie damals, als die Angst entstanden ist.

Solche Erfahrungen tun gut. Sie weiten das Herz, beruhigen das Nervensystem und stärken das Vertrauen. Sie zeigen uns, dass Sichtbarkeit nicht automatisch Gefahr bedeutet.

Doch Mut führt nicht immer sofort zu etwas Positivem.
Manchmal passiert etwas anderes.
Etwas, das nicht angenehm ist –
und trotzdem wichtig.

Und genau darüber möchte ich dir heute erzählen.

Wenn Mut plötzlich wehtut: Das Meeting und die zweite Frage

Bereits wenige Tage nach dem schönen Erlebnis gab es eine Situation, die ganz harmlos begann – und trotzdem tief ging.

Ich war in einem Meeting, mehrere Menschen waren anwesend, die meisten davon kannte ich nicht. Ich fühlte mich jedoch stabil, präsent und neugierig genug, um mich einzubringen. Irgendwann kam ein Moment, in dem ich an der Reihe war, etwas beizutragen. Schon da bemerkte ich eine leichte Aufregung – mein Nervensystem meldete sich.

Ich konnte bei mir bleiben und stellte eine Frage, die völlig in Ordnung war. Die erhaltene Antwort wiederum ließ in mir eine weitere Frage entstehen. Diese lag etwas außerhalb des eigentlichen Themas – war jedoch ehrlich, authentisch und aus einem bewussten Impuls heraus geboren.

Noch bevor ich sie stellte, wurde mein Herzschlag spürbar lauter. Ein innerer Druck baute sich auf – das Nervensystem schlug Alarm. Und nach dem Aussprechen zeigte sich auch der Grund:
Meine Frage war nicht passend, und ich wurde freundlich, aber deutlich zurechtgewiesen.

Ein Moment, in dem ich tatsächlich „zu viel“ war.
Nicht böse, nicht persönlich gemeint –
sondern einfach eine klare Grenze im Gruppenkontext.

Doch während die Situation äußerlich klein war, passierte in mir etwas Großes.

Da war sofort dieses innere Zusammenzucken.
Ein Stich im Brustbereich.
Dieses leise „Oh nein …“.
Ein brennendes Gefühl von Scham – verstärkt durch die Tatsache, dass andere Menschen dabei zuschauten.

Die Gedanken kamen wie ein Reflex:
„Was denken die jetzt über mich?“
„Ich habe wieder etwas falsch gemacht.“
„Ich habe mich blamiert.“

Es tat weh.
Nicht der Satz, den ich hörte –
sondern das, was er in mir berührte.

Wenn die wahre Verletzung tiefer liegt und alte Wunden aufdeckt

Noch während ich den Schmerz spürte, wurde mir klar, dass er nicht aus der aktuellen Situation im Meeting stammte.
Er kam aus der Kindheit – genauer gesagt aus der Grundschulzeit.

Wie ich später durch Reflexion erkannte, war es mit einem Erlebnis verbunden, in dem ich aus einer Gruppe ausgeschlossen wurde. Eine Erfahrung, verknüpft mit Scham, Ohnmacht und dem tiefen Gefühl: „Ich bin falsch.“

Genau dieser alte Glaubenssatz wurde durch den Moment im Meeting berührt:
„Ich darf nicht falsch sein, wenn ich dazugehören möchte.“

Es war, als würde mein System für einen Augenblick glauben,
die damalige Gefahr sei wieder real.

Verletzlichkeit zulassen und bei Bedarf um Hilfe bitten

An dieser Stelle möchte ich betonen, wie wichtig es ist, uns auf solche Situationen vorzubereiten. Natürlich haben wir im Leben nicht immer die Möglichkeit, uns vorher zu fragen, ob wir emotional und nervlich stabil genug sind.

Doch meine eigene Erfahrung zeigt: Wir dürfen darauf vertrauen, dass das Leben sehr genau weiß, wann wir bereit sind – sonst würden uns solche Herausforderungen gar nicht erst begegnen.

Und dennoch dürfen wir jederzeit den Mut haben, uns Unterstützung zu holen.
Manchmal genügt Selbsthilfe, etwa durch Bücher oder Kurse. Manchmal hilft ein Gespräch mit einem lieben Menschen. Und je nach Tiefe ist auch Begleitung in Form von Psychotherapie oder traumasensiblem Coaching ratsam.

Das Wichtigste: Keiner muss diesen Weg komplett alleine gehen!

Auch ich habe mich – ergänzend zu meiner eigenen Arbeit und meiner tiefen Selbsterforschung – bewusst dafür entschieden, mir Unterstützung zu holen. Nicht aus Schwäche, sondern aus Wertschätzung mir selbst gegenüber. Ich bin dankbar für diese Begleitung, weil meine eigenen Erkenntnisse bestätigt wurden, eine klarere Richtung bekamen oder durch neutrale, erfahrene Sichtweisen erweitert werden konnten.

Ich glaube ohnehin, dass Lernen und Wachsen zwar auch alleine möglich und erfüllend ist – doch im Miteinander werden Prozesse oft tiefer, weicher und nachhaltiger. Weil wir gesehen werden. Gehört werden. Weil Heilung sich dort besonders entfalten kann. Und nicht zuletzt auch, weil die Unterstützer Menschen wie wir sind, die aus dem gemeinsamen Prozess ebenfalls wieder etwas für sich mitnehmen.

Raum schaffen, das Nervensystem regulieren und Gedanken einordnen

Mein Nervensystem war in der beschriebenen Situation bereits in Alarmbereitschaft. Nach dem Stich in der Brust spürte ich Enge, und mir schossen die Tränen in die Augen. Es war sehr herausfordernd, zunächst ruhig zu bleiben und im Außen die Fassung zu wahren.

Ich bedankte mich so gut es ging höflich und war erleichtert, als das Meeting zu Ende war.

Danach brauchte es bewusste Regulation:
Atmen.
Hand aufs Herz.
Zurück ins Hier und Jetzt.
Zurück in mein Erwachsenen-Ich.

Summen. Für das innere Kind in mir da sein.

In diesen Momenten der Selbstfürsorge kehrt langsam das Bewusstsein zurück:
Das hier war nicht die Vergangenheit.
Das hier war ein kleiner Moment –
der eine große Tür geöffnet hat.

Doch während der Regulation – und oft auch noch lange danach – tauchen viele Gedanken auf. Ein Teil davon sind Reflexionen: Sie führen uns zu Erinnerungen aus der Kindheit, zu inneren Bildern, zu neuen Zusammenhängen und Erkenntnissen. Andere Gedanken sind Projektionen. Das bedeutet: Der gefühlte Schmerz wird zunächst auf die aktuelle Situation oder auf die beteiligten Personen übertragen.

Und hier ist etwas ganz Wichtiges:
Auch das darf so sein.

Diese Projektionen sind kein Fehler, sondern ein natürlicher psychischer Prozess. Oft kann unsere Psyche im ersten Moment nicht direkt auf die alten, ursprünglichen Erinnerungen zugreifen. Stattdessen wird der Schmerz an das Hier und Jetzt gebunden – dorthin, wo er gerade aktiviert wurde. Das dient zunächst dem Schutz und der Orientierung.

Gleichzeitig liegt hier unsere bewusste Aufgabe: innerlich zu unterscheiden, ohne uns dafür zu verurteilen. Zu erkennen:

  • Was gehört wirklich zur aktuellen Situation?
  • Was ist eine Projektion aus einer alten Verletzung?
  • Was ist eine Reflexion, die mir etwas über meine Geschichte zeigt?
  • Und welche Gedanken sind vielleicht neutral – ohne tiefere Bedeutung?

Entscheidend ist dabei nicht, die Projektion zu unterdrücken oder „wegzumachen“. Sondern sie als inneren Vorgang zu erkennen, während wir gleichzeitig wissen: Die Person im Heute trägt keine Schuld an dem Schmerz von damals.

So können wir fühlen, regulieren und verstehen –
ohne Verantwortung nach außen zu verlagern
und ohne uns selbst dafür abzuwerten.

Mut und Heilung: Warum dieser „negative“ Moment trotzdem wichtig war

Von außen betrachtet war der Moment unangenehm.
Er hat mich verletzt, verunsichert und getriggert.

Doch innerlich war er etwas anderes:
Eine Einladung.
Ein Geschenk des Lebens, einen alten Glaubenssatz zu erkennen –
und ihn loszulassen.

Der Mut, der mich zuvor so bestärkt hatte,
führte diesmal zu einem Schmerz,
der genau deshalb auftauchte,
weil ich mich öffne,
weil ich wachse,
weil ich sichtbar werde.

Dieses Ereignis hat etwas Entscheidendes in Bewegung gebracht.
Ich habe verstanden, woher dieses Gefühl kommt.
Ich habe die alte Geschichte dahinter erkannt.
Und genau dadurch konnte etwas heilen,
das mich seit Jahren begleitet hatte.

Mut führt nicht immer zu sofortiger Freude.
Aber er führt immer zu Wahrheit.
Und Wahrheit führt langfristig zu Heilung.

Was beide Erlebnisse miteinander verbindet

Das warme Feedback aus dem ersten Ereignis und der schmerzliche Moment im Meeting sind keine Gegensätze. Sie sind zwei Seiten derselben Entwicklung:

Ich gehe raus.
Ich zeige mich.
Ich werde sichtbar.

Und jedes Mal reagiert ein anderer, innerer Anteil:

  • der mutige Anteil

  • der verletzliche Anteil

  • der ängstliche Anteil

  • der alte kindliche Anteil

  • der erwachsene, bewusste Anteil

Diese innere Begegnung ist der Weg.
Nicht Perfektion.
Nicht Fehlerlosigkeit.
Nicht „Ich darf nichts fühlen“.

Sondern:

„Ich bleibe bei mir, auch wenn etwas Altes aufsteigt.“

Mut trotz Angst – auch wenn es weh tut

Mut bedeutet nicht, ohne Angst aufzutreten.
Mut bedeutet, die Angst mitzunehmen.
Manchmal auch die Scham.
Oder die Unsicherheit.
Oder den alten Schmerz.

Und trotzdem zu erscheinen.

Übrigens: Genau das habe ich getan.
Beim nächsten Meeting war ich wieder da.
Mit all den Menschen.
Mit der Erinnerung an den vorherigen Moment –
und gleichzeitig mit dem bewussten Entschluss, mich nicht zurückzuziehen.

Nicht, weil es sich sofort leicht angefühlt hätte.
Sondern weil ich mir selbst treu bleiben wollte.
Weil ich mir zeigen wollte: Ich darf bleiben.
Auch nachdem es weh getan hat.

Jedes Mal, wenn du gehst – auch wenn ein Teil in dir flüstert:
„Sei vorsichtig, du könntest dich blamieren“
entsteht ein neues inneres Muster:

„Ich kann das.
Ich halte mich.
Ich bleibe.“

Alte Wunden tauchen nicht auf, um dich zu stoppen.
Sie tauchen auf, weil du dich bewegst.
Weil du wächst.
Weil du in ein Leben hineintrittst,
in dem du Platz haben darfst.

Auch mit Fehlern.
Auch mit Scham.
Auch mit Triggern.

DAS ist Mut trotz Angst.
Und genau das macht den Weg so wertvoll.

💛Fazit / Schlussgedanken:

Mut führt uns nicht immer zu dem Ergebnis, das wir erhoffen. Doch gerade die Momente, die weh tun oder alte Wunden berühren, öffnen oft die Tür zur echten Heilung. Wenn wir bereit sind hinzuschauen, können Schmerz und Scham zu Wegweisern werden – zurück zu uns selbst, zu mehr Selbstwert und innerer Freiheit.

Beitrag © Nina Groß (HerzFacetten) / Bild © Patrick 5E (www.unsplash.com)

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