Verletzlichkeit zulassen ist ein sensibler Schritt
Verletzlichkeit zu zeigen ist ein starker Prozess der emotionalen Heilung, der viel Mut braucht – und gleichzeitig zunächst sehr herausfordernd ist. Denn in der Vergangenheit hat offene Verletzlichkeit oft bedeutet, dass wir als schwach oder zu sensibel bezeichnet wurden. Oder dass wir uns nicht zeigen durften und erst recht verletzt, bestraft oder ausgenutzt wurden.
Unser Körper und Nervensystem geht deshalb auch heute noch davon aus, dass Verletzlichkeit zulassen ein Risiko ist.
Darum ist es wichtig, bewusst in uns hinein zu spüren und uns zu fragen:
Bin ich gerade emotional und nervlich stabil genug, mich mit solchen Themen zu beschäftigen?
Wenn nicht, dürfen wir auch hier mutig sein und uns Unterstützung holen. Manchmal reicht ein Gespräch mit einem lieben Menschen. Manchmal genügt Selbsthilfe in Form von Recherche im Internet, Ansehen von Dokumentarfilmen oder Videos bzw. das Lesen eines Blogartikels oder eines Buches. Je nach Tiefe ist aber auch Begleitung in Form von traumasensiblem Coaching oder Psychotherapie ratsam. Das Wichtigste: Keiner muss diesen Weg komplett alleine gehen.
Der Moment, in dem ich mich mit HerzFacetten gezeigt habe
Vor einiger Zeit habe ich einen Schritt gewagt, der für andere vielleicht klein wirkt – für mich jedoch ein inneres Beben ausgelöst hat.
Ich habe mein Herzprojekt einem Menschen gezeigt, der nicht aus meinem privaten Umfeld stammt. Jemand, der nicht automatisch „nett“ sein muss, jemand, der wirklich hinschaut.
Lange fragte ich mich: Ist es zu früh? Zu unfertig? Zu persönlich?
Doch irgendwo in mir meldete sich ein Gefühl:
„Wenn du warten willst, bis du perfekt bist, wirst du nie anfangen.“
Also tat ich es. Ich erklärte nicht viel, gab nur einen Hinweis zum Layout und sagte, dass es noch nicht fertig ist. Alles andere wäre schon Manipulation gewesen – denn es ist nicht meine Verantwortung, was andere denken oder sagen. Genau hier beginnt echter Mut: mit der Entscheidung, die Kontrolle loszulassen.
Gedankenchaos: Sichtbar werden fühlt sich manchmal überwältigend an
Viele Menschen trauen sich nicht, etwas zu zeigen oder anzusprechen. Die Angst kennen viele.
Doch es ist nicht die Sache selbst, die uns Angst macht –
sondern die Möglichkeit, wirklich gesehen zu werden.
Und genau da beginnt Wachstum.
Mut trotz Angst bedeutet nicht, angstfrei zu sein.
Mut heißt: trotzdem weiterzugehen und nicht wegzulaufen, wenn es intensiv wird.
Als ich auf „Senden“ drückte, spürte ich sofort meinen Körper: ein Ziehen in der Brust, ein schneller werdender Puls, Wärme im Gesicht. Das Gedankenkarussell startete:
„Was, wenn es nicht gefällt?“
„Was, wenn ich verurteilt werde?“
„Hätte ich warten sollen?“
„Durfte ich mich überhaupt zeigen?“
In solchen Momenten verlieren wir oft den Zugang zu unserem starken inneren Anteil. Stattdessen versucht der Verstand verzweifelt, die Kontrolle zurückzugewinnen – und Scham und Angst werden stärker.
Hinter Angst und Scham: Warum diese Gefühle so stark sind
Mir wurde klar, dass meine Angst nicht irrational war. Sie war logisch, wenn man meine Geschichte betrachtet:
frühere Erfahrungen, in denen Mut oder Offenheit kritisiert wurden
innere Härte, die erscheint, wenn ich mich überfordert fühle
der alte Schutzmechanismus: „Zeig dich lieber nicht – es könnte weh tun.“
das Gefühl, etwas falsch zu machen, sobald ich sichtbar werde
Diese Muster sind alt – doch Körper und Nervensystem reagieren, als wäre die Gefahr real.
Doch wir können jederzeit gegensteuern, indem wir uns unserer Gedanken und Gefühle bewusst werden und dann die Entscheidung treffen, ins Hier und Jetzt zurück zu kommen.
Ein, zwei tiefe Atemzüge. Hand aufs Herz oder den Bauch. Und dann ein Satz wie:
„Ich bleibe bei mir, egal wie die Außenwelt reagiert. Mein Mut zählt mehr als jede Reaktion.“
Dieser Satz veränderte meinen Fokus – weg von „Wie wird reagiert?“ hin zu „Was bedeutet dieser Schritt für mich?“
Wenn die Welt heute nicht mehr die gleiche ist wie damals
Noch am selben Tag erhielt ich eine Rückmeldung – eine Sprachnachricht, die ich mich kaum traute abzuhören. Wieder spürte ich die Enge in der Brust. Doch irgendwann drückte ich Play.
Die Reaktion war lobend und wertschätzend.
Es war so unerwartet, dass mein erster Reflex Tränen waren. Mein System hatte mit Ablehnung gerechnet, nicht mit Anerkennung.
„Ist das wirklich wahr? Darf es so leicht sein?“
Ja. Darf es.
Es war eine Erfahrung, die zeigte:
Die Welt ist heute nicht mehr die gleiche wie damals, als die Angst entstand.
Unser Nervensystem darf neue Erfahrungen lernen
Mut lohnt sich – selbst dann, wenn die Reaktion anders ausgefallen wäre.
Denn es geht nicht nur um das Feedback, sondern um die Erfahrung des Sichtbarwerdens.
Eine gute Reaktion kann heilen –
nicht weil jemand uns rettet,
sondern weil sie unsere innere Landkarte aktualisiert.
Fazit / Schlussgedanken:
Der Mut von gestern verändert mein Heute
Gestern habe ich einen Schritt getan, der größer war, als es von außen wirkt.
Ich habe nicht nur ein Projekt geteilt.
Ich habe mich selbst geteilt:
meine Unsicherheit,
meine Kreativität,
meine Wahrheit.Und ich habe erfahren, dass Mut nicht bestrafen muss –
sondern belohnt werden kann.Nicht jede Situation wird so positiv enden.
Aber jede mutige Entscheidung stärkt den Selbstwert.Mut trotz Angst ist für mich nicht nur ein Blogthema –
sondern der Weg, den ich weitergehe.
Was aber, wenn Mut doch mit einem unangenehmen Moment beantwortet wird? Diese Erfahrung und was sie in mir bewegt hat, teile ich ⇒ im folgenden Artikel.
Beitrag © Nina Groß (HerzFacetten) / Bild © Patrick 5E (www.unsplash.com)
⇐ zurück zum Themenblog | zu den einzelnen Bereichen: ⇒Dunkel ⇒Licht ⇒Dazwischen ⇒Darüber hinaus




