Vergangenheit loslassen oder integrieren? Eine persönliche Annäherung
Die Frage, was wirklich hilft – die Vergangenheit loslassen oder sie integrieren – begegnet uns immer wieder. Und sie ist oft vielschichtiger, als es auf den ersten Blick scheint. Denn je nachdem, welchen Stimmen man zuhört, findet man ganz unterschiedliche Antworten:
Die einen sagen, wir müssen die Vergangenheit hinter uns lassen, nicht mehr zurückschauen, nach vorne gehen. Andere wiederum betonen, wie wichtig es sei, die Vergangenheit anzuschauen und aufzuarbeiten.
Beide Perspektiven haben ihre Berechtigung. Und vielleicht liegt genau darin die Schwierigkeit: Es gibt keine allgemeingültige Antwort. Denn wir Menschen sind unterschiedlich – mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, Prägungen, Nervensystemen und inneren Ressourcen.
Wenn Vergangenheit loslassen eine bewusste Entscheidung sein kann
Für manche Menschen kann es tatsächlich funktionieren, eine klare innere Entscheidung zu treffen:
Das war meine Vergangenheit. Heute ist heute. Ich lasse es so stehen und gehe weiter.
Wenn Erinnerungen auftauchen, werden sie zur Kenntnis genommen, ohne ihnen weiter Raum zu geben. Die Vergangenheit wird akzeptiert, ohne erneut betreten zu werden.
Für diese Menschen kann das ein stabiler, gesunder Weg sein – besonders dann, wenn keine tief verankerten Traumata oder unbewussten Schutzstrategien aktiv sind, die immer wieder ins Heute hineinwirken.
Wenn sich die Vergangenheit und innere Heilung von selbst melden
Für viele andere – und dazu zähle ich mich selbst – ist dieses „einfach loslassen“ jedoch nicht möglich. Nicht, weil der Wille fehlt, sondern weil das Leben selbst andere Wege wählt.
Situationen im Alltag wirken wie Spiegel oder Auslöser: Etwas triggert uns, ein Gefühl taucht auf, eine bekannte Reaktion läuft ab. Und plötzlich sind wir wieder mit alten Mustern, alten Gefühlen oder alten Überzeugungen konfrontiert.
Diese Erinnerungen tauchen nicht zufällig auf. Sie erscheinen oft genau dann, wenn wir heute über mehr Reife, mehr Wissen und mehr innere Stabilität verfügen, um sie anders zu betrachten als damals. Oder anders gesagt: Dann, wenn innere Heilung möglich ist.
Vergangenheit loslassen und Identität: Wenn Verhaltensmuster ein Teil von uns geworden sind
Es gibt noch einen weiteren, oft unterschätzten Grund, warum Loslassen so schwerfallen kann:
Manche Muster sind nicht nur Gewohnheiten – sie sind Teil unserer Identität geworden.
Wenn wir zum Beispiel ein Leben lang gelernt haben, im Außen zu funktionieren, anderen zu gefallen, Verantwortung für Gefühle zu übernehmen oder ständig für Harmonie zu sorgen, dann fühlt sich dieses Verhalten nicht wie ein Muster an – sondern wie wir selbst.
Der Gedanke, davon loszulassen, kann unbewusst Angst auslösen:
- Bin ich dann egoistisch?
- Verliere ich meinen Wert?
- Wer bin ich ohne dieses Verhalten?
Gerade Menschen, die sehr empathisch, fürsorglich oder leistungsorientiert sind, kennen diese innere Spannung. Für sich selbst einzustehen fühlt sich am Anfang nicht frei an, sondern falsch. Nicht, weil es falsch ist – sondern weil es neu ist.
In solchen Fällen ist Loslassen kein einfacher Akt, sondern ein Identitätsübergang. Und dieser braucht Zeit, Mitgefühl und innere Erlaubnis.
Die Vergangenheit verstehen und mit neuen Augen sehen
Ein zentraler Wendepunkt liegt für mich darin, vergangene Situationen nicht mehr mit dem damaligen Bewusstseinsstand zu bewerten, sondern mit dem heutigen.
So erkenne ich zum Beispiel:
- dass ich früher oft glaubte, an allem schuld zu sein – heute sehe ich, dass Verantwortung meist geteilt war
- dass ich in vielen Situationen keine Grenzen setzen konnte und dadurch angreifbar war
- dass andere Menschen diese offenen Grenzen überschritten haben, oft unbewusst oder ohne zu reflektieren
- dass andere Menschen ebenfalls Muster und Prägungen in sich tragen, vielleicht sogar genau dieselben
Diese Erkenntnisse sind keine Schuldzuweisungen – weder an mich noch an andere. Sie bringen Differenzierung in das innere Bild. Und genau hier beginnt Veränderung.
Vergangenheit integrieren anstatt Muster zu wiederholen
Ich erlebe diesen Prozess wie ein inneres Mosaik oder Puzzle.
Alte Teile werden nicht entfernt, sondern neu eingefärbt, neu eingeordnet, neu verstanden. Und in dem Moment, in dem sich ein Puzzleteil verändert, verändert sich das ganze Bild ein Stück mit.
Was dabei geschieht, könnte man durchaus „Loslassen“ nennen. Doch es ist kein aktives Wegschieben, sondern ein automatisches Loslassen durch Integration.
Das Alte verliert seine emotionale Ladung, weil es einen neuen Platz bekommen hat.
So zeigt sich für mich immer deutlicher:
Loslassen und Integrieren sind oft keine Gegensätze – sie beschreiben denselben inneren Vorgang aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Schattenarbeit und alte Muster erkennen: Eine innere Richtungsweisung
Um ein aktuell sehr präsentes Muster besser zu verstehen, habe ich mir unterstützend Orakel-Karten gelegt. Nicht, um Antworten im Außen zu suchen, sondern um meinem Unterbewusstsein eine Sprache zu geben.
Hinweis: In Kürze erscheint ein weiterer Artikel, indem ich näher auf das Thema „Innere Arbeit mithilfe von Orakel-Karten“ eingehe. Dort erkläre ich u.a., was Karten sind, wie sie wirken und welche Erfahrungen ich persönlich mit ihnen mache. Hier in diesem Artikel geht es nicht um das Kartenlegen an sich, sondern um die daraus gewonnenen Erkenntnisse.
Konkret ging es um ein Bündel aus Mustern und Konditionierungen, das sich bei mir zeigt – besonders stark das Thema Perfektionismus:
der innere Drang, alles richtig machen zu müssen, keine Fehler machen zu dürfen, um Ablehnung, Konflikte oder „Gefahr“ zu vermeiden.
Dieses Muster fühlt sich tief verankert an und lässt sich nicht einfach durch Erkenntnis auflösen.
Die Kartenlegung
Ich habe mit dem Kartenset „Die Phönix Karten“ von Anne Vonjahr gearbeitet, ein Orakel mit 44 inneren Archetypen. Das Besondere ist auch, dass jeweils die Licht- und Schattenseite des Archetyps betrachtet werden können. Ich hatte jedenfalls drei Karten gezogen:
- Vergangenheit: Die Heldin (im Schatten)
- Gegenwart: Die Süchtige (im Licht)
- Zukunft: Das Opfer (im Schatten)
Die Karten habe ich allerdings nicht streng zeitlich interpretiert, sondern primär ihre Bedeutungen auf das von mir abgefragte Muster bezogen.
Die Heldin im Schatten – Vergangenheit
Diese Karte zeigt für mich, dass viele Verhaltensmuster aus meiner Vergangenheit noch wirksam sind – einige bewusst, andere vielleicht noch verborgen.
Was sich jedoch sehr klar zeigt, ist ein innerer Widerstand: eine blockierte Energie, eine Schwelle, die ich sehe, aber noch nicht vollständig überschreiten kann.
Die Schattenseite der Heldin spricht von der Ablehnung der eigenen Verletzlichkeit.
Von der Angst, schwach zu wirken, beschämt oder machtlos zu sein. Genau das entspricht dem, was ich in mir erkannt habe: ein inneres „Ich muss stark sein“, das wenig Raum für Schwäche, insbesondere für Fehler lässt.
Die Süchtige im Licht – Gegenwart
Diese Karte hat mich besonders berührt.
Sie zeigt, dass das Muster – alles richtig machen zu wollen – tatsächlich suchtähnliche Züge hat. Nicht im pathologischen Sinn, sondern als Schutzmechanismus, der aus einer alten Verletzung entstanden ist.
Die Lichtseite zeigt jedoch etwas Entscheidendes:
In mir ist bereits die Bereitschaft zur Veränderung vorhanden. Eine Willenskraft, eine Entschlossenheit, diesen Mechanismus nicht weiter unbewusst wirken zu lassen.
Gleichzeitig ist es ein Hinweis darauf, dass darunter noch ein Schmerz liegt – eine Wunde, die entweder noch erkannt oder zumindest mit Mitgefühl angenommen werden möchte.
Das Opfer im Schatten – mögliche Zukunft
Diese Karte war herausfordernd.
Die Schattenseite des Opfers steht für Selbstmitleid, Schuld- und Schamgefühle, innere Abhängigkeit, Selbstverurteilung und das Festhalten an alten Rollen.
Für mich ist sie keine Drohung, sondern eine klare Erinnerung:
Wenn ich diesen Prozess nicht bewusst begleite – mit Mut, Mitgefühl und Selbstverantwortung – besteht die Gefahr, in einer inneren Opferhaltung stecken zu bleiben.
Gleichzeitig macht die Karte deutlich:
Der natürliche Weg aus dem Opfer führt nicht über Härte oder Druck, sondern über Selbstliebe, Ehrlichkeit und das Anerkennen der eigenen Geschichte.
Eine ergänzende Botschaft
Einen Tag später habe ich testweise aus einem neuen Kartenset eine weitere Karte gezogen. Die Botschaft war deutlich:
Manchmal fällt es uns so schwer, die Vergangenheit loszulassen, weil wir glauben, einen Teil unserer Persönlichkeit zurücklassen zu müssen, um weiterzugehen.
Diese Erkenntnis fügt sich für mich stimmig in das Gesamtbild ein.
💛Fazit:
Die Frage „Vergangenheit loslassen oder integrieren?“ lässt sich nicht mit entweder–oder beantworten.
Manches darf bewusst abgeschlossen werden. Anderes möchte verstanden, neu eingeordnet und integriert werden. Und oft geschieht das Loslassen ganz von selbst – als Folge eines inneren Reifungsprozesses.Vielleicht geht es weniger darum, die Vergangenheit loszuwerden, als darum, ihr den Platz zu geben, der ihr heute zusteht: nicht mehr als lenkende Kraft, sondern als Teil der eigenen Geschichte – eine Geschichte, die uns geprägt hat, ohne uns dauerhaft festzuhalten.
In diesem Prozess zeigt sich oft noch eine weitere, tiefere Ebene. Denn manchmal halten wir nicht an der Vergangenheit fest, sondern an den Rollen, die wir aus ihr heraus entwickelt haben.
Doch wir sind nicht unsere Rollen. Wir sind nicht das angepasste Selbst, nicht der/die Helfer/in, nicht der/die Perfektionist/in, nicht der/die Starke – wir haben diese Anteile nur hervorgebracht, oft aus Notwendigkeit heraus. Doch sie definieren nicht unser ganzes Wesen.Jenseits unserer biografischen Prägungen sind wir auch Bewusstsein, Seele, lebendige Präsenz.
Und aus diesem Raum heraus darf sich unsere menschliche Identität immer wieder neu formen – sie ist kein starres Konstrukt, sondern ein lebendiger Prozess.
Für viele – mich eingeschlossen – liegt die eigentliche Herausforderung daher weniger im Verstehen als im sich selbst Erlauben:
die Erlaubnis, sich zu verändern, ohne sich zu verlieren.
die Erlaubnis, alte Rollen loszulassen, ohne undankbar zu sein.
und die Erlaubnis, neue Anteile zu leben, auch wenn sie sich zunächst ungewohnt oder „egoistisch“ anfühlen.
Beitrag / Bild © Nina Groß (HerzFacetten)
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